Neue Zürcher Zeitung Feuilleton 28. August 2002, S. 55
Im Frauenzentrum für Geistesgesundheit
Fabrizia Ramondino auf
Erkundung in Triest
Franz Haas
Der Originaltitel dieses Buches ist mehrdeutig: «Passaggio a Trieste» meint eine Reise nach Triest, die Fabrizia Ramondino im Sommer 1998 gemacht hat, um über eine offene Nervenheilanstalt für Frauen zu schreiben. Der Titel bedeutet auch, dass Triest das italienische Tor nach Osteuropa ist, wo die Folgen der Zertrümmerung Jugoslawiens am sichtbarsten sind. Er meint aber ebenso den unsicheren Übergang von der Normalität zum Wahnsinn. Über sich selbst und über das Flanieren in dieser verborgenen Passage schreibt die Autorin mit poetischem Gespür für die Menschen, für die oft himmelschreienden Fälle in diesem realen Winkel der italienischen Gegenwart.
Der Titel der deutschen Übersetzung ist der erste Teil eines Zitats von Simone Weil, der dem Buch als Motto voransteht: «Jedes Wesen schreit stumm» - und lapidar endet der Satz - «um anders gelesen zu werden». Genau das macht Fabrizia Ramondino. Hinter den Krankengeschichten der Frauen in der psychiatrischen Klinik liest sie auch die Lebensgeschichten und erzählt sie in diesem scheinbar unkoordinierten Bericht. Auf den ersten Blick mutet der Text chaotisch an, weil die Autorin vom Hundertsten ins Tausendste kommt und nebenbei auch immer über sich und die Welt sinniert. Sie holt weit aus: «Am Anfang war mein Triest eine reine Männerstadt» - über Rilke, Svevo, Joyce und Saba schreibt sie, über den Literaten Roberto Bazlen und einen bizarren Onkel von ihr. Am Ende laufen jedoch nach jedem Exkurs die Fäden wieder in jener Anstalt zusammen, in der sie auf Besuch ist, im Centro Donne Salute Mentale, dem Frauenzentrum für «Geistesgesundheit». Dieser wörtliche Optimismus in der Bezeichnung der Klinik verweist noch auf den Geist der siebziger Jahre, als Triest unter dem Psychiater Franco Basaglia die italienische Hochburg der offenen Psychiatrie war.
Den Grossteil des Buches ergeben die Gespräche der Autorin mit den Patientinnen der Anstalt und die (manchmal zu ausführlich geratenen) Protokolle von Diskussionsrunden: Dutzende von Lebensgeschichten, die alle einander ähneln und doch so verschieden sind. Manche der Frauen kommen aus dem zerstörten Jugoslawien und haben mit ihrer Haut auch grausige Erinnerungen nach Triest gerettet. In Italien konnten sie nicht Fuss fassen, dann verlief ihr Schicksal wie auf Schienen: Prostitution, Gewalt, Illegalität, Selbstmordversuche. Aus ihren wirren Reden setzt Fabrizia Ramondino eine verstörte Welt zusammen, zeichnet die Wege nach, die hierher hinter diese barmherzigen Mauern geführt haben, in ein halbwegs erträgliches Fegefeuer am Rand eines opulenten Landes. Nachts sieht sie sich Videofilme mit Marilyn Monroe an und vergleicht die unglückliche Diva, den «weiblichen Clown», mit den gestrandeten Frauen von Triest.
Einer der wenigen anwesenden Männer ist Lucio, der Gärtner der Anstalt, «ein Gentleman mit Down-Syndrom», der mit seinen sanften Gesten auch die Frauen umsorgt. Da ist Edvige, die immer den einen Satz wiederholt: «Mir brutzelt der Kopf.» Und Viviana, die «nur noch eine Parodie ihrer früheren Schönheit» ist, die zwanghaft alle farbigen und glitzernden Dinge stiehlt und in ihrer «Lumpenpracht» durch die Klinik geistert. Oder die Studentin Ada, mit «einem traurigen, scharfen, wie in einem üppigen Körper untergegangenen Blick». Eine verblüffend intelligente Frau ist Costanza, die «Philosophin» unter den Patientinnen, die ein Gespräch mit der Autorin so beschliesst: «. . . denn natürlich weiss nur Gott, ob es Gott gibt . . .» - Bei ihr verwischt sich vollends der Übergang vom Irrsinn zum Scharfsinn.
Fabrizia Ramondino ist in allen ihren Büchern eine bekennende Linke. Das hindert sie aber nicht, über Themen zu schreiben, die bei vielen (ehemaligen) Kommunisten ein Tabu sind, etwa über die Massenmorde an der Zivilbevölkerung, die jugoslawische Partisanen und italienische Kommunisten zwischen 1943 und 1945 in Triest und der Umgebung begingen, aus Rache an den Faschisten und ihren (oft nur mutmasslichen) Anhängern. - Die 78-jährige Zita erzählt lakonisch ihr Beispiel: Sie ist als Kind von Istrien nach Triest gekommen, hat dort einen Schneider geheiratet, der «ist dann in den foibe im Karst umgekommen». Diese «foibe» (Gräben) im Karst des Triester Hinterlandes sind immer noch eine heimliche Wunde Italiens. Dort hinein warf man die Opfer des Massenmordes, über den bis heute zu wenig gesprochen und geschrieben wird. - In diesem Buch kommt immer wieder die Sprache darauf, unaufdringlich, aber beharrlich, als Detail des Irrsinns der Geschichte.
Was dieses Buch so glaubhaft macht, ist aber auch die persönliche Offenheit der Autorin, die sich nicht hinter ihren Beobachtungen versteckt, die auch sich selbst in ihren Nöten zeigt. So schreibt sie im Anfangskapitel von ihrem eigenen Aufenthalt in einer Klinik, nach «einer Phase des akuten Alkoholismus», wo sie zusammen mit anderen «alten Weiblein» über das Röcheln und die Agonie einer Sterbenden unter der Sauerstoffmaske wacht. Und ein Zwischenkapitel handelt von ihrem Leben in Itri, einem kleinen Ort zwischen Rom und Neapel, von der Schwüle des Sommers und der Stumpfheit der Jugend dort, von deutschen Freunden, mit denen sie «ein aristokratischer Populismus» verbindet. Oft geht es um den eigenen «Körper, das zerbrechliche Gefäss meines Unmasses». Dann kehrt Fabrizia Ramondino wieder schreibend zu den Frauen von Triest zurück, «als Gefangene, in den Grenzen eines Textes», zur geglückten Erkundung der vielen Passagen zwischen Krankheit und Wohlsein, Seligkeit und Wahn.
Fabrizia Ramondino: Jedes Wesen schreit stumm. Die Frauen in der Via Gambini. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Arche-Verlag, Zürich 2001. 374 S., Fr. 38.60.
|
|